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Personaler Narzismus – Auskopplung Nr. 1

10. November 2016 – Wort zum Alltag im Braunschweiger Dom zum Geburtstag von Martin Luther (überarbeiteter Auszug aus einem Vortrag zum Reformationsjubiläum 2017)

LUTHER_CDShortsDieser Mann  ist für viele immer noch die Persönlichkeit des evangelischen Glaubens. Nicht wenige nennen das kommende Reformationsjubiläum 2017 deshalb auch – fälschlich – „Lutherjahr“. Eine kantige Persönlichkeit, ein ausdrucksstarker Prediger und kämpferischer Theologe. Ein Mann, von dem man Menschliches und viel Persönliches weiß und der unbestreitbar Großes angestoßen hat – das fasziniert. Sein aufbrausender Charakter, seine Liebe zur Musik, seine Ehe mit Katharina von Bora, seine innige Freundschaft mit Johannes Bugenhagen, dem Reformator unserer Stadt. Seine geniale Sprachkraft, der Lebensweg und das Lebenswerk dieses impulsiven Beinahe-Märtyrers – das ist einfach eine beeindruckende und für viele mitreißende Geschichte. Für die einen ist Luther wegen einiger sehr problematischer Äußerungen ein höchst umstrittener, für andere wiederum bis heute ein sehr inspirierender Geist.

„Kaum eine Religion bzw. Konfession hat einen derartigen personalen Narzissmus entwickelt, wie gerade die Lutheraner.“[1] attestiert uns der reformierte Theologe und Kulturanalytiker Andreas Mertin. Dem Wittenberger Reformator wurden Denkmäler gebaut, Kirchen und Gemeindehäuser wurden nach ihm benannt, auch in Braunschweig, und sein Konterfei ziert schon seit Jahren und besonders für nächstes Jahr zahllose Veranstaltungshinweise. Wie ein ferner Spiegel hängt das Bild dieses Menschen vor uns und wir suchen in ihm unsere eigenen Konturen. Wir suchen Ähnlichkeiten und suchen Anregung im Lebensbild dieses Mannes. Wir angepassten und in großen gesellschaftlichen Trends mitgefangenen Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts können uns einfach nicht sattsehen an diesem widerständigen und schöpferischen Typen Martin Luther.

Sind wir heute möglicherweise – wieder – in einer Zeit, in der starke eigenwillige Charaktere und Querdenker unsere Herzen leicht gewinnen können allein schon damit, dass sie anders sind als der etablierte Mainstream? Sind die Denkzettelwahlen in deutschen Bundesländern und amerikanischen Bundesstaaten vielleicht ein Indiz dafür, dass die Unangepassten und die Tabubrecher etwas in den Menschen anrühren, eine Sehnsucht bedienen, die lange unbeachtet und unkultiviert geblieben ist? Luther den ersten Wutbürger zu nennen, wie kürzlich im Spiegel-Magazin[2] – damit verkennt man wohl den komplexen Charakter dieses Mannes und die theologische Tiefe seiner Texte. Nicht Luther, aber vielleicht seine späte, heute neu aufflammende Bewunderung sagt etwas über unsere verrückte Gegenwart.

Es ist an der Zeit, den Mann selber beim Wort zu nehmen. In dem berühmten Verhör auf dem Reichstag zu Worms 1521 sagte er: „Ich bin ein Mensch und nicht Gott. … Wie viel mehr muss ich erbärmlicher Mensch, der nur irren kann, bereit sein, jedes Zeugnis wider meine Lehre, das sich vorbringen lässt, zu erbitten und zu erwarten.“ Gespielte Bescheidenheit oder echte Skrupel? Wahrscheinlich eine Mischung von beidem, immerhin ging es für ihn um Leben und Tod. Noch ehe man ihn auf Sockel gestellt und mit Baldachinen beschirmt hat, relativiert er sich selbst. Wir sollten aufhören, darin nur Koketterie zu sehen und es wörtlich nehmen.

Aber wir wollen nicht. Wir verstecken uns lieber hinter dem breiten Rücken herausragender Persönlichkeiten. Wir delegieren an die sogen. „Originale“ die Aufgabe, selber ein unverwechselbares Individuum zu sein. Wir übertragen unsere Berufung als Christen, die uns in der Taufe geschenkt wurde, gerne an die besonderen Amtsträger und vergessen, dass wir selber in eigener Verantwortung unvertretbar vor Gott und in dieser Welt stehen. Und wir sind enttäuscht, gekränkt, verärgert, wenn wir merken, dass die geschätzten Vorbilder keine Fixsterne sind, sondern wandernde Planeten auf schwankenden Laufbahnen.

Liebe Protestanten, ist es nach 500 Jahren nicht endlich Zeit, dass euer evangelischer Glaube reif wird? Reif und frei von der Anhänglichkeit an die großen Figuren? Frei von den inspirierenden Gestalten, die doch nur Menschen sind und nicht Gott.

Ein Adler schubst seine Jungen aus dem Nest, damit sie selber fliegen lernen. Gott nimmt uns unsere Heiligen und entzaubert unsere Vorbilder, damit wir selber ans glauben kommen. Religiöse Genies, volkstümliche Amtsträger und interessante Lebensgeschichten haben für unser Christsein nicht viel zu bedeuten. Ihm vertrauen, von Ihm Halt und Heil erbitten, Wegweisung und Geist von Ihm erwarten, das ist ein Wagnis, das uns niemand abnehmen kann. Es wird Zeit, dass wir uns nach 500 Jahren davon verabschieden, schon das Nacherzählen alter Geschichten und das Abdrucken längst verblichener Gesichter für Predigt und Erbauung zu halten. Das ist keines Festes wert. Lasst uns nicht die Wiederentdeckung des Evangeliums von vor 500 Jahren feiern. Lasst uns das Evangelium feiern!

Eine biblische Warnung steht im Jahr 2017 über unserem evangelischen, und vielleicht besonders über unserem lutherischen Kirchentum. Ein kritisches Gotteswort mit werbendem Unterton aus Jeremia 2. „Mich, die lebendige Quelle, verlassen sie und machen sich Zisternen, die doch rissig sind und das Wasser nicht halten.“ [3]

Wem es schwer fällt, Worte der Heiligen Schrift so unmittelbar auf sich wirken zu lassen, dem mag ein Zitat von Martin Luther selbst vielleicht den Weg zur Quelle zurück weisen. „Erstens bitte ich, man wolle von meinem Namen schweigen und sich nicht lutherisch, sondern einen Christen nennen. Was ist Luther? Ist doch die Lehre nicht mein! Ich bin auch für niemanden gekreuzigt. Wie käme denn ich armer, stinkender Madensack dazu, dass man die Kinder Christi dürfe nach meinem nichtswürdigen Namen nennen? Nicht so liebe Freunde! Lasst uns tilgen die parteiischen Namen und uns Christen heißen, nach Christus, dessen Lehre wir haben. Ich bin und will keines Menschen Meister sein. Ich habe mit der Gemeinde die eine, allgemeine Lehre Christi, der allein unser Meister ist.“

Wir schließen mit einem Gebet aus Psalm 63: „Gott, du bist mein Gott, den ich suche. Es dürstet meine Seele nach dir, mein Leib verlangt nach dir aus trockenem, dürrem Land, wo kein Wasser ist. So schaue ich aus nach dir in deinem Heiligtum, wollte gerne sehen deine Macht und Herrlichkeit.“

Amen.

 

[1]  Andreas Mertin, Mann Ø Mann, in: Ta katoptrinzomena. Das Magazin für Kunst / Kultur / Theologie / Ästhetik Nr.  103, (Themenheft „Kirchenmusik“). http://www.theomag.de/103/am556.htm

[2]  http://www.pro-medienmagazin.de/journalismus/detailansicht/aktuell/spiegel-ueber-luther-der-erste-wutbuerger-98093/

[3]  Jeremia 2,13.